Zank Quest – Mixed-Up Mother Goose

Sierra ist ja hauptsächlich für seine langlebigen Adventure-Serien bekannt. Für Spiele, bei denen Scheitern Teil des Konzepts war. Aber wie wir im Rahmen der Zank Quest ja schon erfahren haben, hatte Sierra auch ein Herz und Spiele für Kinder. Mickey’s Space Adventure oder natürlich auch Donald Duck’s Playground sind ganz hervorragende Beispiele dafür. Und dann gibt es diese beiden Spiele hier: Mit der Mixed-up-Serie kreuzte Sierra klassische Märchen und Reime mit einer kindgerechten Optik und Steuerung. Wie sich das spielt? Na, hört selbst.

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Als kleinen Service von uns hier die komplette Episode als Sprechertext:

1987 war Roberta Williams schon ein Urgestein der Adventure- und Entwicklerlandschaft. Nachdem sie mal eben im Handstreich mit Mystery House die Abenteuerspiele um Grafiken bereichert und mit King’s Quest eine der erfolgreichsten Serien aus der Taufe gehoben hatte, war es wohl mal Zeit für etwas Neues. Sie war allerdings noch nicht so weit, mit Phantasmagoria mal eben eines der Splatter-lastigsten Full-Motion-Video-Spiele aus der Taufe zu heben. Nein: nach all den eher Fantasy-angehauchten, aber auch leicht soap-opera-mäßigen Titeln speziell der Saga um die Familie des Königs Graham ging Roberta noch einen Schritt weiter und wandte sich Kinderreimen zu.

Sierra hatte schon früh mit Titeln wie Donald Duck’s Playground oder Mickey’s Space Adventure auch Kinder als Käufer im Visier. Was jeden Spieler, der jemals auch nur aus der Ferne ein Sierra-Adventure aus dem Augenwinkel gesehen hat, extrem verwundern dürfte. Nicht umsonst haben diese Perlen der Computerspielmaus-Vernichtungsindustrie den Ruf, ein ganz klein wenig unfair zu sein. Eigentlich wollte ich an dieser Stelle sagen, dass die Dinger nur sauschwer waren und sind. Aber machen wir uns nichts vor: jedes Abenteuer, das jemals stolz das Sierra-Logo auf seiner Diskette oder CD-ROM spazieren trug war vor allem eines: unfair! Und das auf eine Art und Weise, dass mittlerweile eine ganze Industrie an „How to die in… hier x-beliebiges Sierra-Spiel einsetzen“-Videos entstanden ist. Die sehr unterhaltsam sind. Und lang. Mit den Sterbe-Videos der Quest-Reihen könnte jeder Interessierte schon mal locker ein verregnetes Wochenende rumkriegen. Ist jetzt nicht unbedingt meine Empfehlung. Aber: es geht.

1987 jedenfalls hatte Roberta DIE Idee: was wäre, wenn ich mal ein Spiel mache, bei dem die Spielfigur nicht alle Nase lang vom Baum fällt, in einem Brunnen ertrinkt, verhext oder von einem Ork zerkaut wird? Was, wenn ich ein Spiel für kleine Kinder machen würde? Und was, wenn – das war für ein Adventure 1987 wirklich eine bahnbrechende Idee – ich dafür keinen Text verwenden würde? Letzteres war wichtig für das Spiel, weil Robertas Zielgruppe gerade mal nicht mehr in die Windeln machte: schon Vierjährige sollten „Mixed-up Mother Goose“ bedienen können. Und die können nun mal noch nicht lesen. Sprachausgabe schied zu diesem Zeitpunkt ebenfalls aus. Also blieb nur noch eine rein graphisch zu erfassende Steuerung übrig.

Zur Steuerung komme ich gleich noch mal zurück. Jetzt hab ich den Namen des Spiels schon mal verraten – da kann ich auch gleich noch ein wenig zu dem etwas seltsamen Titel verraten. Wobei: seltsam ist das eigentlich nur in nicht englisch-sprachigen Ländern. Die titelgebende Mother Goose kennt im Lande der angelnden Sachsen jedes Kind. Und das, obwohl diese Bezeichnung das erste Mal 1697 als Untertitel einer französischen Märchensammlung auftaucht, deren Aussprache ich mir und euch ersparen werde. Den Autoren versuche ich mal: Charles Perrault. Im Jahre 1729 erschien die englische Übersetzung von Robert Samber – und damit schaffte es Mother Goose ganz hochoffiziell auch literarisch in den britischen Figurenfundus. Die Figur an sich muss aber schon um einiges älter sein, weil bereits in den 1620er-Jahren die Beschreibung „wie eine Mother-Goose-Geschichte“ in Sammlungen schon ausreichte, um die Art der Geschichte zu beschreiben. So wie heutzutage „wie Steven King“ ausreicht, um klarzumachen, dass hier gleich irgendwas Rotes aus den Seiten spritzt.

Aber wir waren nicht bei Master King sondern bei Mother Goose. Einer liebenswerten Figur, die in Geschichten meistens als schon etwas betagte Bauersfrau beschrieben wird. Gerne auch mit wahlweise spitzem oder rundem Hut und ein paar Blumen obendrauf. Das passt zwar überhaupt nicht zu neueren Forschungen, die als historische Vorlage die Frau des französischen Königs Robert II. ausgemacht haben wollen. Vielleicht passender, aber nicht zu den ersten Nennungen passend ist die Geschichte, dass die Frau des Bostoner Einwohners Isaac Goose die Vorlage geliefert haben soll. Hier gibt es schon mal zwei Namen besagter Gattin und komplett unterschiedliche Lebensdaten – aber beide haben weit nach den ersten Nennungen gelebt. Nach dieser Geschichte soll die Frau den Witwer Goose geheiratet und in die Ehe 6 Kinder mitgebracht haben. Dazu noch Isaacs zehn eigene Nachkommen. Lasst das mal auf euch wirken und freut euch, wie ruhig euer eigenes Leben ist. Jedenfalls soll diese lebenslustige Dame nach dem Tod ihres Mannes zu ihrer ältesten Tochter gezogen sein und dort ihren Enkeln Reime und Lieder beigebracht haben. Aber seien wir mal ehrlich: ist ja wurscht, ob es eine Mother Goose wirklich gegeben hat. Wichtig ist, dass sie heutzutage für Reime wie diesen hier steht:

Humpty Dumpty sat on a wall,
Humpty Dumpty had a great fall,
All the King’s horses and all the King’s men,
Couldn’t put Humpty together again.

Oder auch:

How much wood could a woodchuck chuck

If a woodchuck could chuck wood?

As much wood as a woodchuck could chuck,

If a woodchuck could chuck wood.

Letzteres könntet ihr schon mal in irgend so einem kleinen Spiel gehört haben.

Wer übrigens die volle Dosis samt satten Farben und alter Musik haben möchte, kann ja mal bei Youtube nach Mother Goose Rock ‚n‘ Rhyme suchen. In dem Film aus dem Jahre 1990 geben sich Little Richard, ZZ Top, Art Garfunkel, die Stray Cats oder auch Katy Sagal alias Peggy Bundy zusammen mit ungefähr 500 anderen bekannten Namen die Klinke in die Hand. Alles ganz zuckersüß und garantiert nicht gesund. Nach ungefähr zehn Minuten dieser Show bin ich zwei Kilo schwerer. Aber sie ist soooo süß!

Zusammengefasst: Mother Goose ist eine sehr bekannte Figur in den USA. Ihre Reime kennt buchstäblich jedes Kind. Und genau aus diesem Grund nimmt sich Roberta Williams dieser Frau denn auch an und packt sie in ihr neuestes Werk.

Die Hintergrundgeschichte des Spiels ist recht simpel: zu Beginn schläft ein Kind wohlig verpackt in seinem Bettchen ein. Zur Auswahl stehen 8 verschiedene Racker. Jungs und Mädchen, blond oder schwarzhaarig. Für jeden Spieler um die 5 Jahre herum gibt es ein ungefähres Ebenbild. Und das liegt dann eben in diesem Bett. Die Mutter löscht das Licht und wünscht eine Gute Nacht. Es ist stockdunkel. Dann sieht der Spieler in einer Traumblase, wie das Kind auf dem Rücken einer Gans fliegend über den Himmel gleitet und zum Haus von Mother Goose fliegt. Diese erklärt dem kleinen Racker, dass ihre schönen Reime ganz durcheinander gekommen sind und bittet das Kind, ihr zu helfen. Und das war es auch an Einführung. Ab sofort läuft der kleine Steppke alleine durch die Pampa und trifft auf allerlei Figuren aus den besagten Reimen wieder. Das Ei Humpty Dumpty zum Beispiel steht an einer Mauer und braucht von uns jetzt dringend eine Leiter, damit er daran hochklettern kann. Mary benötigt für ihr Feld eine Gießkanne, Jack eine Kerze und so weiter und so weiter. Das ganze Spiel ist zwar nicht irrsinnig groß, aber auf 35 schön gestaltete Bildschirme kommt es doch. Wir als Spieler steuern also durch diese schön gestaltete Landschaft und nehmen die Aufträge an. Die gesuchten Gegenstände werden jeweils in einer Sprechblase dargestellt, so dass auch jüngere Kinder hier problemlos zurecht kommen sollten. Aber: so ganz funktioniert das ja noch nicht mit dem textlosen Spiel: es gibt doch noch eine Reihe von Infos, die eingeblendet werden. Zum Beispiel die anfänglichen Erklärungen von Mother Goose. Oder die fertigen Reime. Aber grundsätzlich funktioniert es wegen der dargestellten Gegenstände verblüffend gut auch ohne Textverständnis.

Das Inventar ist mit seinem einen einzigen Inventarplatz sehr… nennen wir es mal übersichtlich. Wer sich keine Karte anfertigt, kann schon mal eine Weile durch die Gegend irren und dabei an fünf anderen Sachen vorbei kommen, die er gerne einsacken würde. Geht aber nicht. Einerseits kommt das einer künstlichen Spielzeitstreckung schon verdächtig nahe. Andererseits lebt dieses Spiel hier mehr vom Umherlaufen und vom kindlichen Staunen als vom Lösen der Aufgaben. Wobei diese Belohnungen jeweils sehr schön inszeniert sind. Nehmen wir die Aufgabe mit dem lebensmüden Ei: Hat Humpty Dumpty seine Leiter bekommen, klettert er flink daran hoch auf die Mauer. Der erste Vers wird eingeblendet: Humpty Dumpty sat on a wall. Und schon fällt Mister Eierkopf wieder runter. Der zweite Vers kommt auf den Bildschirm: Humpty Dumpty had a great fall. Ein sehr langer und schmerzhafter Riss beginnt, an unserem tragischen Helden entlang sichtbar zu werden. Bisher sieht alles recht niedlich, aber noch machbar aus. Dann kommt vom linken Bildschirmrand ein uniformierter Reiter ins Bild und „All the King’s horses and all the King’s men“ erscheint. Während der Reiter bedauernd den Kopf schüttelt, kommt noch „Couldn’t put Humpty together again“ dazu. Und ähnlich aufwendige Animationen gibt es bei jedem einzelnen Vers, den der Spieler sich freigeschaltet hat. Da bekommen kleine Kinder gänzlich pädagogisch falsch einen Klaps auf den Hintern, hier kullern zwei Leutchen einen Hügel hinunter, dort fiedelt eine Katze… Es macht einfach unglaublich Spaß, sich das alles anzuschauen und zu erleben, wie die Reime zum Leben erweckt werden. Freunde der Heilen Welt können sich übrigens beruhigt zurück lehnen: wenn die eigene Figur einmal den Bildschirm verlassen hat und wieder zurückkommt, sitzt Humpty Dumpty wieder in seiner ganzen ovalen Pracht auf der Mauer, als wäre nie etwas geschehen.

Neben diesen Animationen als Belohnung gibt es natürlich auch Punkte, die es zu erreichen gilt. Sierra-Fans kennen das ja schon: In Leisure Suit Larry 7 müssen wir zum Beispiel 1000 Punkte ergattern. Ganze 7325 sind es in Conquest of the longbow. Und in Mixed-up Mother Goose? 18. Doch. Wirklich. 18 Punkte. Für jeden zusammengepuzzelten Reim gibt es einen einzigen lausigen Punkt. Und natürlich die Animation, die die eigentliche Belohnung ist. Aber es gibt 20 Gegenstände im Spiel. Wie passt das zusammen? Nun, ein einziger Märchenlandbewohner weigert sich standhaft, sich so einfach abspeisen zu lassen. Natürlich handelt es sich um einen Adligen. Der zugehörige Reim lautet

Old King Cole
  Was a merry old soul,
  And a merry old soul was he;

  He called for his pipe,
  And he called for his bowl,
  And he called for his fiddlers three!

Der arme Kerl kann also fast gar nichts dafür, dass er immer mehr haben möchte. Er ist ein Opfer der Umstände! Aber auch er stellt kein besonders unüberwindliches Hindernis dar. Wer lange genug in der Gegend rumläuft, stolpert zwangsläufig über die zufällig verteilten Gegenstände und die zugehörigen Figuren. Letztere laufen dann übrigens brav hinter der Spielfigur her, bis sie ihren Bestimmungsort erreicht haben. Und irgendwann habt ihr alles geschafft, was es zu schaffen gibt, Mother Goose samt der ganzen Bagage bedankt sich bei euch und die Gans fliegt das Kind zurück in sein eigenes Bettchen. Der Traum endet und der Tag beginnt. Schön wars.

Kommen wir mal kurz zur Technik oder vielleicht besser gesagt: zu den Techniken. Denn wer sich ein wenig in der Sierra-Geschichte auskennt, weiß von dem kleinen Zeitfenster, in dem die Firma ältere Titel mit aktualisierter Engine neu aufgelegt hat. Die Grundidee war damals, dass mit entschieden weniger Aufwand in der Entwicklung ein zweites Mal Reibach gemacht werden kann. Das erste Spiel der Police-Quest-Reihe war zum Beispiel so ein Fall. Ursprünglich erschienen 1987 wurde es 1992 in einer VGA-Fassung runderneuert wieder auf den Markt geworfen. Leisure Suit Larry in the Land of the Lounge Lizards war ähnlich gelagert: zwischen 1987 und 1991 verstrichen hier sogar nur 4 Jahre. Packen wir mal großzügig noch die Reloaded-Fassung aus dem Jahre 2013 dazu (aber auch nur, weil Al Lowe mal einen wenig kritischen Blick darauf geworfen hat), kommt der erste Larry-Teil auf drei Fassungen. Eine ganz schöne Menge Holz, die nur von einem einzigen Spiel im ganzen Sierra-Portfolio übertroffen wird. Ihr werdet wenig überrascht sein, dass es sich dabei um Mixed-up Mother Goose handelt. Ganze vier Versionen kamen im Laufe der Zeit in die Läden:

Die ursprüngliche Fassung aus dem Jahre 1987 erschien in voller EGA-Pracht. Unter der Haube schnurrte der gute alte AGI und zauberte 16 Farben gleichzeitig auf den Bildschirm. Nicht viel besser sah dann die 1990 nachgeschobene Fassung aus, die aber auf einer völlig anderen Engine, nämlich der SCI0 aufsetzte. Klingt erst einmal gar nicht so großartig anders, aber sämtliche Sierra-Programmierer mussten sich von jetzt auf gleich von der bisher gewohnten prozeduralen Skriptsprache verabschieden und sich mit Objektorientierung rumschlagen. In dem empfehlenswerten Buch „The Sierra Adventure“ von Shawn Mills wurden vielen Programmierer von damals interviewt und keiner war aufgrund des vorherrschenden Zeitdrucks im ersten Moment oder noch im ersten Monat begeistert davon. Klar: alle gewohnten Handgriffe waren plötzlich hinüber. Wer wie ich auch nur an einer neuen Word-Oberfläche verzweifelt, wird das nachvollziehen können. Nach der erfolgten Umstellung waren aber irgendwann alle glücklich mit dem neuen System – daher machte es ja fast nichts, dass nur ein Jahr später, also 1991 die nächste Mutter Gans durchs Dorf getrieben wurde. Dieses Mal aber in VGA und damit 256 Farben! Mittlerweile war Sierra auch auf den Trichter gekommen, dass Sprachausgabe eine feine Sache ist. Die in den alten Versionen nur musikalisch untermalten Reime wurden hier tatsächlich gesprochen! In der parallel erscheinenden CD-ROM-Version wurden sogar alle Dialoge und sonstigen Sprüche vertont. Dazu gibt es noch eine einblendbare Landkarte. Und das Interface wurde noch komplett überarbeitet. Herz, was willst Du mehr! Lustigerweise setzt übrigens die Floppy-Fassung trotzdem auf einer anderen, neueren Engine-Version auf als die CD-ROM-Fassung. Deshalb protzt sie noch mit einem animierten Sierra-Logo beim Start. Die Wege des Ken sind unergründlich. Ein putziges Detail der CD-ROM-Fassung ist übrigens noch, dass hier zwei CD-ROMs mitgeliefert wurden: Auf der roten Disc sind die Audio-Daten in CD-Qualität enthalten. Die blaue Disc war für Computer mit Laufwerken gedacht, die solche Daten nicht lesen konnten und daher mittels Soundkarte komprimierte Dateien ausgeben mussten. Dafür war die blaue Fassung in der Sprachausgabe mehrsprachig: neben Englisch gab es noch Deutsch, Spanisch, Französisch und Japanisch. Dankenswerterweise von richtigen Sprechern aufgenommen und nicht wie auch schon vorgekommen von Sierra-Mitarbeitern, die ihre Bürotür nicht fest genug verrammelt hatten.

Kommen wir nun zur letzten und bis dato aktuellsten Fassung: 1995 erschien mit Mixed-up Mother Goose Deluxe die SVGA-Fassung. Bei dieser Fassung sind wir dann endgültig im gelobten Land angelangt: Die Grafik erstrahlt in schönstem SVGA, die Animationen sind butterweich – na ja sagen wir wie halbgefrorene Butter -, der Spieler kann sich sein Ebenbild aus mittlerweile 12 Kindern aussuchen und die Musik ist auf einer beigelegten Audio-CD auch noch auf jedem x-beliebigen Abspielgerät im Haushalt abspielbar. Das freut die Eltern garantiert auch nach dem 20. Durchlauf noch.

Neben den jeweils einzelnen Veröffentlichungen der Versionen gibt es natürlich auch noch Zusammenstellungen, in denen sie auftauchen. Meine liebste Veröffentlichung dabei ist die „King’s Quest Collection“, die entgegen ihres Namens nicht nur Teil 1-7 dieser Reihe intus hat, sondern noch durch The Colonel’s Bequest und The Dagger of Amon Ra – also die beiden Laura-Bow-Abenteuer, die alten Hi-Res-Abenteuer 0, 1, 2 (das ist The Wizard and the Princess, quasi King’s Quest 0) und 5 samt Apple 2-Emulator und eben Mixed-Up Mother Goose in der Deluxe-Fassung aufgepolstert wird. Wer diese Box in den Fingern hat, wird für eine Weile beschäftigt sein. Die AGI- und die VGA-Fassung sind beide in der Roberta Williams Anthology enthalten. Zusätzlich zu den oben schon genannten Titeln ist noch das Hi-Res-Adventure Nummero 6 an Bord. Warum auch immer. Einzig auf die SCI-Version müsst ihr im größeren Rahmen verzichten und euch einzeln ins Regal stellen.

Wie gesagt: dieses Spiel gab es in vier verschiedenen Inkarnationen. Es lag Roberta Williams und der Firma Sierra wohl tatsächlich am Herzen. Und wahrscheinlich auch an der Brieftasche. Die bestimmt auch von einer Fortsetzung des erfolgreich veröffentlichten Spiels geträumt hat. Nicht umsonst ist Sierra für eine ganze Reihe erfolgreicher Serien bekannt. Umso seltsamer ist es, dass in diesem wenig beackerten Feld der Kinder-Adventures gerade mal ein einziges Spiel in die Fußstapfen der Muttergans getreten ist: Mixed-up Fairy Tales, das im November 1991 erschien. Designt wurde es von Lori Ann Cole, die zusammen mit ihrem Mann heutzutage eher für ihre Quest for Glory-Reihe bekannt ist. Und natürlich für ihr bei Legend Entertainment veröffentlichten Shannara-Spiel. Doch im Jahre 1991 gab es ausnahmsweise mal keinen Quest-Teil aus ihrer Feder und sie konzentrierte sich auf die Mixed-up Fairy Tales.

War Teil eins noch konzipiert für Kinder ab 4 Jahren, sollte diese Fortsetzung quasi mit den Kindern wachsen und richtete sich an junge Leser ab 7. Entsprechend einfach gehalten ist das Interface: ganze zwei Begriffe kann der Mausjongleur anklicken und entweder etwas „do“en oder etwas „see“en. Kinderleicht. Wie auch das Inventar wieder spartanisch bei seinem winzig kleinen Platzangebot bleibt und nur einem Gegenstand Heimstatt bietet. Reicht aber natürlich auch. Grundsätzlich spielt sich das Spiel wie Mother Goose auch: Anfangs wählt sich der Spieler eine Figur nach seinem Gusto – nur, dass hier nur noch sechs Kinder zur Auswahl stehen –  die sich noch schnell in einer Bücherei ein Buch aussuchen soll. Aus einem der Bücher entschlüpft ein freundlich aussehender Bookwyrm. Und falls ihr euch jetzt fragt, was zum Geier das sein soll: ich weiß es auch nicht. Er taucht im Internet in den unterschiedlichsten Inkarnationen auf. Minecraft hat einen zu bieten. In diversen Fernsehserien tauchen welche auf. In dem Browser-Rollenspiel Godville tauchen sie ebenfalls auf. Sie sind mal recht klein, mal größer. Mal können sie sich ganz flach pressen, mal sehen sie eher wie Krokodile aus. Unser Exemplar hier sieht ein wenig wie der liebenswürdige alte Mann aus der alten Werthers-Werbung, der in seinem Lehnstuhl klebrige Bonbons an unwillige Enkel verteilt. Nur, dass der Drache noch einen lila Schal umwickelt hat und auf dem Kopf einen dazu passenden Fez trägt. Aber wie sagte schon einer unserer berühmten Dichter und Denker in all seiner Weisheit? Genau: Egal!

Die Märchen aus dem großen Märchenbuch sind durcheinander geraten. Und der Bookwyrm bittet uns nun, die Märchen wieder zusammenzusetzen. Noch nicht einmal die Namen der Märchen kennen die Figuren noch. Also laufen wir wie schon im ersten Spiel durch die wunderschön anzuschauende Welt und treffen auf allerlei Leute, die uns um Hilfe bitten. Haben wir eine Ahnung, um wen es sich handeln könnte, benennen wir erst einmal das Märchen. Da uns nur fünf Stück zur Auswahl stehen, ist das auch für die Generation Smartphone noch machbar: Jack und die Bohnenranke, Aschenputtel, Schneewittchen, Die Schöne und das Biest und die Bremer Stadtmusikanten brauchen aber nicht nur den Märchennamen. Neeeein. Da hängen noch ein paar weitere Suchaufträge dran. Aschenputtel braucht zum Beispiel erst mal einen Kürbis, damit sie überhaupt zum Ball kommt. Danach verliert sie wie geplant ihren Schuh, aber des böse Bookend klaut der Schuh und verschleppt ihn über die halbe Karte. Wenn wir das gute Stück wiederhaben und dem Prinzen in die Hand drücken, steht einem Happy End nichts mehr im Wege und sie lebten glücklich und zufrieden bis an ihr Lebensende. Nach diesem Prinzip funktionieren auch die anderen Märchen – und wie auch schon Mother Goose leben die Fairy Tales von den hübsch gemachten Animationen und der Entdeckungslust, die die Umgebungen hervorrufen. Da das Spiel nicht allzu schwer ist und wir natürlich ganz geniale Adventure-Spieler sind, sieht sich Bookend gezwungen, dem Bookwyrm gegen Spielende vor das virtuelle Schienbein zu treten und dessen großes Märchenbuch zu stehlen. Eine letzte kleine problemlos gemeisterte Herausforderung. Und schon ist das Spiel zu Ende. Jubel Trubel Heiterkeit. Alle vertragen sich und auch wir leben glücklich und so weiter und so fort.

Technisches Grundgerüsts des Spiels ist die SCI1-Engine. Wobei es wieder zwei verschiedene Varianten gibt, die aber gleichzeitig entwickelt wurden: EGA und VGA stritten untereinander um die Gunst des Käufers. Wobei EGA ganz klar den Kürzeren zog und heutzutage ein äußerst rares Sammlerstück ist. Ebenfalls recht rar sind die Ausgaben beider Spiele, also von Mother Goose und von den Fairy Tales, die im Rahmen der Sierra Discoveries Series herausgegeben wurden. Wobei praktisch jede Version der Spiele eher schwer zu bekommen ist. Schade. Denn beide sind mal abgesehen vom Schwierigkeitsgrad auch heute noch absolut liebens- und spielenswert. Wobei das Carsten Borgmeier in der Amiga Joker 3/91 ganz leicht anders sah. Er vergab mickrige 22 Prozentpunkte und attestierte dem Spiel so ziemlich alles außer Spielspaß. Dass er nicht ganz die Zielgruppe darstellte, war ihm zwar klar, hielt ihn aber von einem Verriß nicht ab. Wäre spannend, wie ihm eine Folge Sandmännchen gefallen hätte. Oder La-Le-Lu, gesungen von Heinz Rühmann. Und mit diesem Ohrwurm entlasse ich euch in den restlichen Tag. Ich hoffe, ihr lebt glücklich bis an euer Lebensende.


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